DAS EINFACHE IST DAS SCHWERE, ABER DAS EINFACHE IST AUCH DAS SCHÖNE
DIE KUNST TRACHT LEBENDIG ZU HALTEN: CARLA BARONSEE
Von CHRISTL ZEPP (Land und Leute Ostallgäu)
Wenn es um Tracht geht, erhitzen sich die Gemüter ganz unkleidsam - dem einen wird zu viel historisiert, dem andern zu viel modernisiert. Fest steht, dass mit der Tracht viel Schindluder getrieben wird, dass Tracht zu schnell mit Dirndl verwechselt wird; dass man zu viel schlampt, zu wenig weiß; schlechte Konfektion auf den Markt schickt und vor allem die Folklore-Programme des Fernsehens beträchtlichen Anteil an der hemmungslosen Verkitschung der Trachten hat. "Mediengerecht" nennt man die Kostümierung in den Volksshows - mit überflüssigen Spitzen und Litzen, überbordenden Dekolletés und neckischem Schnickschnack.
Tracht, die angestammte Kleidung des bäuerlichen Standes, ist seit der Auflösung des Ständestaats nach der Französischen Revolution zum Allgemeingut geworden. In ihren ursprünglichen Modellen ist sie historisches Erbe, das jedoch nicht nur im Museum bewundert werden soll, sondern vor allem auch lebendig gehalten. Aber genau das ist das Problem.
Tracht ist Mode - mehr denn je. Von den authentischen Vorlagen bis zum Dirndl- oder Kostümensemble, das sich ständig wandelt, gibt es ein breites Spektrum schöner Garderobe, die Frauen wie Männer gleichermaßen schmeichelt. Immer wieder holt sich auch die internationale Haute Couture Anregungen aus folkloristischen Vorlagen für eher romantische Gewänder und Dessins. Das war früher schon so: Die Tracht entstammte weniger der modischen Anregung der Oberschicht als umgekehrt. Die herrschende Gesellschaft gab und verkleidete sich gern nach Art ihrer Bauern und Handwerker. So vergnügte sich die Königin Marie Antoinette in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts als Schäferin verkleidet in Hameau, einem künstlichen Bauerndorf, das sie sich neben ihrem SchIoß Trianon hatte erbauen lassen.
Und so gingen auch im 19. Jahrhundert Prinzen und Prinzessinnen Österreichs und Bayerns in ländlicher Kleidung auf die Pirsch oder in die Sommerfrische und frönten mit ihrem Gefolge dem neu erwachten Naturgefühl. Der Nobelloden wurde bald ein unauslöschliches Signum der k. u. k. Monarchie - ganz so wie der etwas larmoyante Dialektakzent, den die Angehörigen des Kaiserhauses Habsburg zum Vorbild für die gesamte österreichisch-bayerische Aristokratie machten, wie er bis heute in der feinen Welt als unabdingbar gilt. Die Liebe zur Tracht im modischen Sinn gehört in Süddeutschland zum Erscheinungsbild, das einmal Sinn und Verständnis für Historisches signalisiert, zum andern Geschmack und Witz beim Kostümieren. Nicht nur an Tagen des Brauchtums. Ein wenig Reminiszenz an aristokratische Spiele ist ebenso drin wie ganz ursprüngliche Freude an schönen Kleidern.
Das flächendeckende Angebot aus lieblos zusammengestupften dirndeligen Tütelitü-Fummeln nach Medienart würde der Trachten- und Dirndl-Tradition bald den Garaus machen, gäbe es nicht da und dort gute deutsche und österreichische Trachtenmode - wie z.B. die "Sportalm Waltner" in Nesselwang.
In Osterreich gab es nie Probleme mit dem Stil, weil einfach alles vorgeschrieben war: Ein strenger Formenkodex beherrscht seit Jahrzehnten Brauchtum und moderne Produktion. Das Design ist durchgängig schlicht - Naturstoffe, einfache Kontrastfarben, authentische Zusammenstellung, fein gearbeitete Drucke und Accessoires. So gehen dort alte und neue Modelle nahtlos ineinander über. Anders bei uns - auch deshalb, weil wir nicht unter einem starren Regelsystem stehen wollen, das wiederum allzu leicht zur Uniformierung führt und Kreativität verhindert. Aber das war eben auch der Reiz der Tracht und der Trachtenmode, dass immer wieder etwas Neues, Schmuckes dazu kam.
Carla Baronsee, die seit über 20 Jahren den Meisterbetrieb der "Sportalm Waltner" in Nesselwang leitet - ein Trachtengeschäft, das seinesgleichen im gesamten Alpenraum sucht, forscht seit Jahrzehnten der Trachtengeschichte nach und entwickelt daraus mit unvergleichlichem Geschmack und unerschöpflicher Fantasie ihre Trachtenmode: "Nach der Französischen Revolution begannen die Volkstrachten der schwäbischen Städte zu sterben und ein halbes Jahrhundert später auch die meisten ländlichen Trachten", erklärt sie und erinnert: "Aus den Bemühungen einiger Männer um Bayerisch-Zell entstand eine Gebirgstracht mit kurzer Lederhose, graugrünem Janker; rundem grünem Plüschhut mit Spielhahnfeder oder Gamsbart. Bei den Frauen schwarzes Samtmieder mit Geschnür und Talergehänge, grauem Rock mit Samtbändelbesatz, Seidenschürze, rundem Plüschhut mit Adlerflaum und Seidenfransentuch.

Carla Baronsee, Sonntagstracht für Mutter und Kind nach einer Vorlage aus dem späten Rokoko.
Foto: Sportalm Waltner
Trachtenerhaltungsvereine bildeten sich im schwäbischen Raum und nahmen diese bayerische Gebirgstracht an. Schwäbische Art und Kleidung wurden verdrängt. Heimatpfleger wie der legendäre Alfred Weitnauer leisteten viele Jahre engagierte Forscherarbeit, um auch das schwäbische Brauchtum und seine Tracht wieder aufleben zu lassen. Nicht zufällig stellte er in seinen Büchern "Vom Feigenblatt zur Schwabentracht" und "Tracht und Gwand im Schwabenland" die schöne Nesselwanger Tracht besonders heraus. Nach seinen Forschungen beschrieb er die Männertracht: Weißes Hemd, hochgeschlossene rote Weste mit Stehkragen und Bollenknöpfen (Halbkugelknopf aus Silber) dicht geknöpft. Schwarze kurze Joppe aus Samt oder Tuch mit zweireihigen Talerknöpfen, lange, enge Lederhose, über die gestrickte weiße oder blaue Strümpfe gezogen wurden. Schwarze Schuhe mit Silberschnallen, breite schwarze Hüte, blaue weite Umhänge z. T. mit Pelzbesatz. An festlichen Tagen braune oder schwarze frackartige Joppen mit langhaarigen Zylindern.
Die Frauentracht:
Hemd bzw. Bluse, Goller (Spitzenkragen), gesteppte, auch mit Goldstickerei und Goldspitze besetzte Schnürmieder. Angereihte Woll- oder Seidenröcke, Druck oder Seidenschürzen, farbige Seidentücher mit Goldspitze eingefasst. Bei Trauer schwarze Tücher. Weiße oder farbige Strümpfe mit kunstvollen Mustern und schwarze Schuhe mit Silberschließen. Seidenkleider mit gerüschten Ärmeln in verschiedenen Farben, auch geblümt. Große dunkelgraue oder schwarze Umhänge mit kleinen Schulterkragen, Silberschließen, die Kragen teilweise mit Otterpelzbesatz.
So genau geht auch Carla Baronsee zu Werke - Detailsammlung ist kein Zeichen von Pedanterie, sondern eine gute Basis für die Fantasie. Allein ihre Haubensammlung ist ein Arbeits- und Forschungsgebiet für sich - vom Taufhäubchen über die Otterpelzmütze bis zur Radhaube, die auch einmal durch Erfindungsgeist entstand, nämlich aus einem kleinen Radansatz am Haarbeutel. So zeigt es ein Stich in Münsters Cosmographie von 1550. "Aus München kam als modische Neuheit das Riegelhäubchen. Heute existieren im Nesselwanger Raum noch einige Exemplare in gold- und silberfarbener Posamentier-Arbeit, schwarzer und schwarz-blauer Perlenstickerei", schwärmt Carla Baronsee.
Die Chefin der "Sportalm Waltner" setzt die verdienstvolle Arbeit der Heimatforscher fort und hat in gut zwanzig Jahren viel Material und Wissen eingefahren. Nach alten Gemälden und Stichen, vor allem auch Votivtafeln aus der Nesselwanger Wallfahrtskirche "Maria Trost", baut sie liebevoll und sorgfältig die historische Tracht auf. Sie lässt Stoffe weben, sucht überall nach den schönsten Seidendrucken, vergleicht Miederschneidereien und entdeckt Bänder wie aus Tausend und einer Nacht.
Die fleißige Forscherarbeit genügt freilich nicht - die eigene Formbegabung, das Talent für Design und Couture kommt hinzu. Bei den Vorführungen, die meist von der regionalen Heimatpflege veranstaltet werden, sieht man nicht nur alte Trachten in neuem Glanz erstrahlen - man kann sich mit ihnen sofort identifizieren, es regt sich der Wunsch, diese Ensembles zu besitzen und zu tragen. Das ist das Neue und Unverwechselbare an dieser Trachtenpflegerin: Sie macht alte Formen wieder lebendig.

Max Fuggs, Detail aus einem Aquarell, gemalt 1852; Familie in Tracht des 18. und 19. Jahrh.
Verlag für HeimatpflegeKempten.
Wie eigentlich die historische Tracht nie etwas Starr-Gleichbleibendes war: "In einem Ort wie Nesselwang, an der großen alten Handelsstraße zwischen Füssen und Kempten, nahm man immer wieder auch Neues von Händlern und Durchreisenden auf - da ein Tuch, dort eine Schürze", bestätigt Carla Baronsee. Tracht ist Mode - Mode ist Tracht? Eine ketzerische Relation, meint Carla Baronsee ein wenig schmunzelnd. Bestätigung kommt von der modernen Wissenschaft: Der Soziologe René König hat der Macht und dem Reiz der Mode in einem Buch "Verständnisvolle Betrachtungen" gewidmet und behandelt auch die Tracht ausführlich. Nicht aus dem Volk erwachsen, sondern vom jeweiligen Herrn verliehen: "…. meist bei besonderen Gelegenheiten wie Verlöbnissen und Hochzeiten, bei Geburten, Volljährigkeitserklärungen, Thronbesteigungen usw. Das Festhalten an der Tracht wird hierzu einem Symbol der Loyalität einem bestimmten Herrn oder einer Herrschaftsform gegenüber. Interessant zu beobachten ist auch, dass die Tracht nicht etwa als Ganzes verliehen wird, sondern in Teilstücken, etwa Rock, Bluse, Kappe, Gürtel, Gürtelschnalle, Zierarten, aber auch Farben, Materialien und Akzessorien.

Gattin des Malers Michael Herz (1745). Verlag für Heimatpflege Kempten.
Häufig wird diese Entwicklung urkundlich festgehalten. Allein daraus mag man ein gewisses Misstrauen gegenüber Darstellungen schöpfen, die von der kompositorischen Gesamtschöpfung der alten Trachten sprechen, wo meist nur ein mosaikartiges Stückwerk besteht. Manchmal entstand Tracht durch eine Mode, die plötzlich stehen blieb. René König beschreibt die Kleidung der Navajo- und Apachen-Indianerinnen, deren bunte Blusen aus Plüschsamt (Velvet) von den Spaniern übernommen und seither getragen wurden oder etwa die langen weiten Röcke von den eingewanderten Angelsachsen. Deutlich wird dieser Aspekt bei der klerikalen Kleidung, die nichts anderes als stehen gebliebene Mode ist - wie der Radmantel mit Kapuze bei den Mönchen (die paenula der Etrusker), die Toga der römischen Advokaten als Casula und Kasel des Priesters, aber auch der Talar des Richters, Gelehrten. Die bäuerliche Tracht ist stehen gebliebene Renaissance und in ihrere anmutigsten Form - Mode des Rokoko. Carla Baronsee definiert die Geburtszeit der schwäbischen Tracht, wie man sie auf Bildern und Votivtafeln findet, als Gegen-Erscheinungsbild der Zeit des Kaisers Karl V. "Die Bauern lehnten die spanische, düstere, strenge Mode ab und kleideten sich auch nach 1530, anknüpfend an die Zeit des beliebten Kaisers Maximilian I., nach dessen Hofstil." Damals wurde das Frauengewand erstmals geteilt in Oberkleid und Rock mit Schürze - die Grundform jeder weiblichen Tracht und auch jedes modischen Dirndl. Etwa 100 Jahre später tauchen in den Gemälden Hauben auf, die Haare und Ohren verdecken und die so genannte Schneppenjacke. Die Männer tragen jetzt den graubraunen und lederbraunen Schoßrock, den Kamisol und den breitkrempigen Landhut.
Die Zeit des Rokoko bringt um 1750 weitere Bewegung und Farbigkeit - Spitzen und Rüschen an Hauben, Ärmeln, Kragen und Dekollete; bei den Männern reiche Knopfverzierung an offenen Jacken - Jaustaucorp - an Ärmelstulpen und Taschenpatten; die Westen - oder Leible - mit möglichst vielen Silber- oder Zinnknöpfen. So trugen es die Allgäuer Bauern und Handwerker vor allem an Festtagen. Natürlich bildeten einzelne Strukturmerkmale oder Accessoires auch Statussymbole: "Etwa ab 1820, mit den sich überall entwickelnden regionalen Besonderheiten, verbreiten sich von Oberschwaben und dem Bodenseegebiet herkommend bis ins letzte Allgäuer Gebirgsdorf die spezifisch schwäbischen Radhauben. Speziell Wirtinnen und Müllertöchter sowie reiche Bäuerinnen trugen Gold- und Silberhauben. Zumindest besaß jede Frau und Ledige eine schwarze Chenille-Radhaube. Darstellungen von Prozessionen belegen ganz wenige Frauen an Festtagen, die nur ein Kopftuch ihr Eigen nannten: Sehr schön war die kleine Reginahaube auf den Köpfen der Mädchen anzusehen.
Vieles an der Tracht war immer auch modisch, vieles davon wurde festes Modell, vieles wurde museal. Das wird auch Schicksal unserer Kleidung werden - vielleicht werden Jeans oder Minirock einmal zur Tracht, vielleicht sammelt man einst unsere Statussymbole - Louis-Vuitton-Gepäck, Cartier-Uhren, Hermès-Emblematik, Escada-Nobilität u. a. Überzeugende Formschönheit, die der Funktion eines Kleidungsstücks in seiner Zeit entspricht, bleibt vielgeliebt, wird immer wieder neu verwendet.
So beschreibt Carla Baronsee auch ihren Trachtenstil mit einer alten Designerweisheit: "Das Schöne kommt aus der Zweckmäßigkeit." Bei ihr gibt es keine überflüssigen Reißverschlüsse oder Dirndlschürzen, die nur als schmale manierierte Streifen herumhängen; es gibt keine falsch genähten Röcke - Bahnen oder Glocken statt gereiht - oder Volants, die sich neckisch an Blusen wiederholen und dort wie am Rock nichts zu suchen haben. Das alles aber kann man exemplarisch an dirndlgeschädigten Moderatorinnen einschlägiger Fernsehshows beobachten. Die Tracht als Erinnerung an frühere Schönheit, aber auch als lebendige Form kommt bei Carla Baronsee in raffinierter Schlichtheit einher. Die Grundgestalt: schmales Oberteil mit Goller-Kragen oder Ausschnitt, weiter, handgereihter Rock mit Schürze, wohlproportionierte Ärmel in unendlicher Vielfalt von Keule bis Puff. Dazu taillen- oder hüftlange Jacken und Jäckchen. Diese Entwürfe erblühen in kostbaren Naturstoffen-Wolle, Baumwolle, Leinen, Mousseline, Tuche vom Feinsten, und einer Seidenpracht ohnegleichen.
Jedes Band und jede Schürze, jede Schleife, jede Spitze aber sind authentisch. Carla Baronsee beherrscht das Geheimnis, die überkommene historische Tracht auf den Körper und die Erscheinung der modernen Frau zu arbeiten. Sie tut nicht so, als sei etwas wie früher, sondern gibt dem Früheren die Möglichkeit von heute.
Manche Trachtenpuristen mögen diese überzeugende Auferstehung der eleganten Tracht ursprünglich etwas misstrauisch beobachtet haben - heute ist die "Sportalm Waltner" mit ihren etwa 20 Mitarbeiterinnen längst zur Wallfahrt von Vereinen und Brauchtumsgruppen geworden, die sich dort beraten und einkleiden lassen; aber auch von Damen der Gesellschaft, die nichts lieber als eine Waltner-Tracht bei passenden Anlässen in München, Stuttgart oder Bonn tragen.
Sogar italienische Prinzessinnen wurden mit solchen Absichten in Nesselwang gesichtet: "Ich dachte nie, dass ich so etwas tragen kann" freute sich Prinzessin Fiorenza Colonna. Die Kunst der Gestaltung schafft zwischen Tradition und Moderne verbindende und verbindliche Schönheit - oder wie Landtagspräsident Rudolf Hanauer formulierte: "Tradition heißt nicht die Asche weitertragen, sondern die Flamme am Leben erhalten".
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